„Die Empfehlungen der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission bringen auf den Punkt, was in der Debatte oft versäumt wird: Zunächst braucht es klare Ziele, eine angemessene Ausstattung zur Erhebung von Daten und hohe Kompetenzen im Umgang mit ihnen. Die Mahnung an die Länder, nicht nur mehr Daten zu erheben, sondern bereits erfasste Daten systematisch zusammenzuführen, lesen wir klar heraus.
Auch der Anspruch, die Qualität zu erhöhen, wird deutlich. Diese Herausstellung ist notwendig, denn die große Gefahr ist, dass durch Datennutzung eine Ökonomisierung von Bildung vorangetrieben wird. Die Gefahr der Schere zwischen hehrem Ziel und abgespeckter Umsetzung, die am Ende auf eine Verschlechterung von Arbeitsbedingungen hinausläuft, benennen wir klar“, erklärt Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Bezug auf das SWK-Gutachten „Datengestützte Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung“.
Infrastrukturelle Hürden und Ressourcen
Hinzu komme, so Neckov, dass vielerorts die Voraussetzungen fehlen: „Wo Geräte für Lehrkräfte fehlen, keine vernetzten Programme genutzt und die Fachkräfte nicht darauf vorbereitet werden, wie und warum sie Daten erheben, wie sie diese interpretieren und für eine Verbesserung ihrer Unterrichtsqualität einsetzen, bleibt der Wunsch nach mehr Qualität eine leere Floskel.“
Vermeintliche Vergleichbarkeit
Datenbasierte Systeme bieten die Möglichkeit, Vergleichbarkeit zu erhöhen. Dies kann Vorteile haben, kann aber auch den Druck auf Schulen und Lehrkräfte erhöhen. Der VBE-Chef erläutert: „Die individuelle Situation vor Ort ist meist nicht einmal mit der nächstgelegenen Schule vergleichbar. Wo es für eine Klasse eine enorme Entwicklung ist, in Mathe nicht mehr durchzufallen, ist es für die nächste ein Warnzeichen, wenn mehr als drei Jugendliche nicht bestehen. Daher bleibt die entscheidende Frage, wie Daten zu einem Impuls für Reflexion werden können – und nicht zu einem Instrument der Kontrolle.“
Stressfaktor Daten
Der Bundesvorsitzende stellt fest: „Wir haben genug Druck im System. Das zeigen langzeiterkrankte Lehrkräfte, psychisch stark belastete Schülerinnen und Schüler und ein unterfinanziertes Bildungssystem, in dem ohne die angemessenen Ressourcen immer mehr Aufgaben gelöst werden sollen. Doch gute Schule entsteht nicht nur dort, wo Daten gut aussehen. Sie entsteht in Beziehungen, in Persönlichkeitsentwicklung, in sozialem Lernen – und das lässt sich nicht einfach vermessen.“ Die Erhebung von Daten müsste daher eng begleitet sein von einem individuellen Blick auf das Kind.
Mehrwerte durch Kooperation und Qualifizierung
Aber dafür fehlt das Netzwerk. Es brauche mehr Zeit für Kooperation in der Lehrgemeinschaft sowie multiprofessionelles Zusammenarbeiten. Diese Strukturen müssten zunächst überall etabliert werden. „Alles, was nur indirekt, zum Beispiel über das Wohlbefinden, gemessen werden kann (Beziehung, Soziales, Persönlichkeitsentwicklung), muss noch stärker in den Fokus des Teams rücken – zum Wohl der Kinder“, fordert er.
Zudem können nur dann die Mehrwerte datengestützter Schul-, Unterrichts- und Strukturentwicklung genutzt werden, wenn Lehrkräfte und alle Personen, die Daten erheben, auf den Einsatz, die Auswertung und den Umgang zur Optimierung des Lernsettings vorbereitet werden.
Pädagogische Freiheit
Nicht zuletzt verweist der VBE-Chef Neckov darauf, dass die Anordnung der Datenerhebung ein Top-Down-Prozess von Politik und Verwaltung in die Schule ist: „Schule hat zu liefern; die Schulleitung bekommt neue Aufgaben. Das ist per se schwierig. Politik muss sensibel agieren: Das darf nicht nur ein Erlass sein, der sowieso umzusetzen ist. Das pädagogische Personal muss abgeholt werden und in dieser tiefgreifenden Veränderung mitgenommen werden. Am Ende muss immer gelten, dass die pädagogische Freiheit der Lehrkräfte über allem steht. Wer also heute verspricht, dass Daten der Schulentwicklung dienen sollen, muss beantworten, wie verhindert wird, dass sie in fünf Jahren vor allem zur Steuerung und Kontrolle eingesetzt werden.“
Kontext:
Die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz hat heute ihr aktuelles Gutachten „Datengestützte Entwicklung und Steuerung in Schulen und frühkindlicher Bildung“ veröffentlicht. Die Ausführungen umfassen unter anderem übergeordnete Empfehlungen. Demnach müssen Ziele definiert werden, welche die Lern- und Entwicklungsprozesse von Schülerinnen und Schülern im Fokus haben, eine nutzungsfreundliche technische Infrastruktur bereitgestellt und Materialien ländergemeinsam entwickelt und Qualifikationsziele für das pädagogische Personal erarbeitet werden.
Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vertritt als parteipolitisch unabhängige Bildungsgewerkschaft die Interessen von ca. 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen – aus dem frühkindlichen Bereich, der Primarstufe, den Sekundarstufen I und II und dem Bereich der Lehrkräftebildung – in allen Bundesländern. Der VBE ist eine der beiden großen Bildungsgewerkschaften in Deutschland und mitgliederstärkste Fachgewerkschaft im dbb beamtenbund und tarifunion.
PM VBE Verband Bildung und Erziehung