Zwischen Morgenkreis und Matheheft: Übergang von Kita in Schule braucht mehr als guten Willen

  • Befragung von über 5.000 Kitaleitungen zeigt hohe Arbeitsbelastung, weil hohes Engagement die zu geringe Leitungszeit ausgleichen muss.
  • Schwerpunktthema 2026: Übergang von der Kita zur Grundschule.
  • Zahlen zeigen Spannungsfeld zwischen pädagogischem Anspruch und der Realität an den Kitas. Fachlich kompetente Unterstützung des Übergangs wird durch Mangel an Personal und Zeit eingeschränkt.

 

„Der Übergang von der Kita in die Grundschule ist ein elementarer Schritt in der Bildungsbiografie. Wir sehen, dass das pädagogische Wissen und eine hohe Bereitschaft zur Kooperation vorhanden sind, aber fast 80 Prozent der Kitaleitungen angeben, dass Personal und Zeit fehlen. Dabei sehen wir: Je strukturierter die Zusammenarbeit ist, umso besser können Kinder in den Prozess des Übergangs eingebunden werden. Dafür müssen alle Verantwortungsebenen stärker miteinander kooperieren. So stellen es die Bildungsminister- und die Jugend- und Familienkonferenz auch in ihren kürzlich veröffentlichten Empfehlungen zum Übergang von der Kita in die Schule heraus. Jetzt muss dieser politische Wille aber auch praktische Konsequenzen haben. Ein gelingender Übergang braucht Ressourcen“, fordert Tomi Neckov, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) mit Blick auf die Ergebnisse der Befragung von Führungspersonal aus Kitas. Sie wird heute im Rahmen des Deutschen Kitaleitungskongresses (DKLK) in Stuttgart veröffentlicht. Insgesamt haben vom 22.10.2025 bis 23.01.2026 bundesweit 5.008 Kitaleitungen an der DKLK-Umfrage von FLEET Education, dem VBE und dessen Landesverbänden Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen, unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Miriam Baghai-Thordsen von der Hochschule Koblenz, teilgenommen. Die Alters- und Geschlechtsverteilung der DKLK-Stichprobe ist vor dem Hintergrund amtlicher Referenzdaten strukturell plausibel. Die Ergebnisse sind als indikative Befunde einer bundesweiten Leitungsstichprobe interpretierbar.

Hohe Leitungszeit, geringe Weiterempfehlung

Über die Hälfte der Kitaleitungen geben an, dass die vertraglich vereinbarte Leitungszeit unter der tatsächlichen Leitungszeit liegt. So wenden zum Beispiel fast ¾ der Leitungen 60 Prozent ihrer Arbeitszeit für Leitungsaufgaben auf, aber nur der Hälfte steht dieses Stundenkontingent auch vertraglich zu.

Der VBE-Chef Neckov kommentiert: „Die Daten zeigen kein Belastungsproblem einzelner Einrichtungen – sondern ein System, das nur funktioniert, weil Leitungen dauerhaft über ihre Grenzen gehen. Das zeigt sich auch daran, dass fast 40 Prozent den Job nicht (mehr) weiterempfehlen würden.“

Personalsituation bleibt angespannt, Betreuungssituation auch

Über die letzten Jahre hinweg geben weniger Kitaleitungen an, dass es schwieriger wird, Personal zu finden (2023: 84,2 %; 2024: 59,5 %; 2025: 52,2 %). Trotzdem geben nur 15 Prozent der Kitaleitungen an, dass es einfacher geworden ist, Personal zu finden. Tomi Neckov warnt deshalb: „Die Situation ist sehr heterogen. Während wir im Westen und Süden des Landes noch mitten im Ausbau des Betreuungssystems sind, entsteht im Osten des Landes durch die demografische Entwicklung das Potenzial für kleinere Gruppen und die Einhaltung der wissenschaftlich empfohlenen Fachkraft-Kind-Relation.“ Dies wird für den U3-Bereich (1:3) nur von jeder siebten Kitaleitung angegeben. Laut des Monitoringberichts zum KiTa-Qualitätsgesetz reichte die Spanne in Gruppen für unter dreijährige Kinder bundesweit von 2,9 bis 5,5 Kindern pro Fachkraft.

Schwerpunkt: Übergang Kita-Grundschule

Softskills und Sprache im Fokus

Als wichtigsten Entwicklungs- und Bildungsbereich für den Übergang nennt die Hälfte der Leitungen sozial-emotionale Kompetenzen, wie Kooperationsfähigkeit, Konfliktlösung, Selbstregulation, Empathie. Ein knappes Drittel fokussiert sich auf sprachliche Bildung und Literacy, also Wortschatz, Erzählfähigkeit, phonologische Bewusstheit und frühes Schriftverständnis. Ein Qualitätsentwicklungsgesetz, wie im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung angekündigt, könnte dabei helfen, hierfür Standards zu schaffen und verbindliche Förderung einzufordern.

Ausgestaltung des Übergangs

Der Übergang wird vor allem durch die Kooperation mit Grundschule(n), alltagsintegrierte Förderung mit spezifischen Schwerpunkten und projektorientiertes Arbeiten mit Bezügen zu schulischen Themen strukturiert. Das sagen mehr als die Hälfte bis ¾ der Kitaleitungen. Ein strukturiertes Vorschulprogramm bieten um 40 Prozent der Kitas an.

Die Kooperation zu Grundschulen ist jedoch ausbaufähig. So geben 40 Prozent der Kitaleitungen an, nur ein- bis zweimal jährlich zusammenzuarbeiten. Nur ein Viertel der Befragten gibt an, dass mindestens einmal im Monat kooperiert wird. Hierzu trägt bei, dass eine höhere Anzahl umgebender Schulen ein limitierender Faktor für regelmäßige Kooperation ist. Ein Vorteil im ländlichen Raum.

Wenn sich Kitapersonal und Lehrkräfte austauschen, dann vielfach zu einzelnen Kindern (73 %). Die Hälfte der befragten Leitungen geben gegenseitige Hospitationen an, 40 Prozent gemeinsame Infoveranstaltungen und 35 Prozent die gemeinsame Planung von Übergangsaktivitäten. Zudem gibt es fachlichen Austausch und die gemeinsame Nutzung von Räumen. Neckov ergänzt: „Als Gelingensbedingungen werden angegeben, dass man sich gegenseitig in der Fachlichkeit anerkennt, regelmäßige gemeinsame Termine hat und Erwartungen transparent kommuniziert. Dafür braucht es aber zeitliche und organisatorische Ressourcen sowie eine klare Aufgaben- und Rollenverteilung. Wir sehen die Politik in der Verantwortung, den Übergang so mit Ressourcen auszustatten, dass Kooperation entstehen kann – zum Wohl der Kinder.“

Partizipation von Kindern und Eltern

Die Daten zur Partizipation im Übergang von der Kita in die Grundschule zeigen ein ambivalentes Bild: Einerseits ist die Beteiligung von Kindern inzwischen breit verankert. Fast 90 Prozent der Einrichtungen berichten mindestens eine gelegentliche oder systematische Einbindung. Allerdings berichtet die Hälfte der Kitaleitungen über punktuelle Beteiligung in Einzelprojekten. Echte, kontinuierliche Partizipation bleibt die Ausnahme: Nur etwas über ein Drittel bezieht Kinder systematisch in die Planung von Übergangsprozessen ein. Bundesvorsitzender Neckov kommentiert: „Partizipation wird häufig situativ umgesetzt, aber selten strukturell abgesichert. Demokratie beginnt aber nicht mit 16 oder 18, wenn jemand das erste Mal wählt. Demokratie beginnt bei den Kleinsten und muss mit entsprechenden Ressourcen unterfüttert werden.“

Ergänzend zeigt der Blick auf die Eltern, dass die Mehrheit an Veranstaltungen teilnimmt oder informiert wird, während nur ein kleiner Teil aktiv mitgestaltet. „Unterfinanzierung, Personalmangel und zu wenig Zeit prägen das System. Aber die Eltern sind die Expertinnen und Experten für ihr Kind. Es muss durch entsprechende Ressourcen und ein gutes Übergangsmanagement Raum geschaffen werden, um ihre Ideen anzuhören“, fordert Neckov.

Die Forderungen des VBE:

  • Gemeinsame Verantwortungsübernahme der Politik, um Betreuung und Übergangsmanagement personell und qualitativ sicherzustellen – durch bessere Arbeitsbedingungen, Anerkennung und verlässliche Entwicklungsperspektiven, um Fachkräfte zu halten und zu gewinnen.
  • Absicherung der Leitungszeit in Höhe tatsächlich zu leistender Aufgaben.
  • Gesundheit des Personals priorisieren durch die Einführung und/oder Kontrolle von Personalschlüsseln sowie Gefährdungsbeurteilungen.
  • Partizipation in Bildungsplänen und Qualitätsvorgaben verankern.

 

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vertritt als parteipolitisch unabhängige Bildungsgewerkschaft die Interessen von ca. 164.000 Pädagoginnen und Pädagogen – aus dem frühkindlichen Bereich, der Primarstufe, den Sekundarstufen I und II und dem Bereich der Lehrkräftebildung – in allen Bundesländern. Der VBE ist eine der beiden großen Bildungsgewerkschaften in Deutschland und mitgliederstärkste Fachgewerkschaft im dbb beamtenbund und tarifunion.

 

PM VBE Verband Bildung und Erziehung

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