VC empfiehlt, Lufthansa-Vorstand nicht zu entlasten

Auf der heutigen Hauptversammlung der Deutschen Lufthansa AG empfiehlt die Vereinigung Cockpit (VC) den Aktionärinnen und Aktionären, den Vorstand nicht zu entlasten. Grundlage dafür ist die aus Sicht der VC enttäuschende wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens trotz eines insgesamt starken Marktumfeldes sowie der Umgang des Managements mit Beschäftigten und Tarifkonflikten.

„Doch anstatt Verantwortung zu übernehmen, sucht der Lufthansa-Vorstand die Ursachen für die schwache Entwicklung des Unternehmens regelmäßig außerhalb der eigenen Verantwortung. Mal werden Flugzeughersteller, mal Behörden, Infrastrukturkosten oder Tarifverträge verantwortlich gemacht“, kritisiert VC-Präsident Andreas Pinheiro den Vorstand auf der Hauptversammlung, der zahlreiche stimmberechtige VC-Mitglieder vertritt. Gleichzeitig sei die wirtschaftliche Entwicklung der Lufthansa seit der Corona-Krise hinter der zentraler Wettbewerber zurückgefallen – trotz robuster Nachfrage und knapper Kapazitäten im Markt.

Besonders kritisch bewertet die VC die aktuelle Personal- und Tarifpolitik des Konzerns. „Gespräche zu tariflichen Themen können mit den Arbeitgebern im Konzern nicht mehr auf einer rationalen Ebene geführt werden“, so Pinheiro. Statt auf konstruktive Lösungen zu setzen, verfolge der Vorstand eine Strategie der Eskalation in den einzelnen Tarifkonflikten.

Auch operative Entscheidungen wie die vorübergehende Stilllegung der CityLine (CLH) bewertet die VC kritisch. Impulsgetriebene Maßnahmen schadeten der Stabilität des Multi-Hub-Systems und gefährdeten langfristig die Qualität im Kerngeschäft. „Mitarbeiter sind kein Werkzeug, das man weglegt, wenn es unbequem wird. Sie sind der Kern dessen, was ein Unternehmen zusammenhält – seine Kultur, sein Gedächtnis und sein Selbstverständnis“, betonte Pinheiro.

Die VC verweist zudem darauf, dass sie dem Arbeitgeber am 14. April konkrete Angebote für eine Schlichtung der bestehenden Tarifkonflikte unterbreitet habe. Während die Gewerkschaft damit Wege zur Deeskalation angeboten habe, nehme das Management weitere Streiks, operative Schäden und wirtschaftliche Belastungen offenbar bewusst in Kauf. „Seitdem sind wir weiter auf die Arbeitgeberseite zugegangen und haben die Bereitschaft signalisiert, ein Schlichtungsverfahren zu unterstützen und zusätzliche tarifliche Themen einzubeziehen – bisher leider ohne Erfolg.“

Aus Sicht der VC ist dies ein alarmierendes Signal für Aktionäre und den Kapitalmarkt. Gute Corporate Governance bedeute gerade in Krisensituationen, Schaden vom Konzern und den einzelnen Unternehmen abzuwenden und lösungsorientierte Verfahren zu unterstützen.

Die VC appelliert daher an Aktionärsvertretende, an die Aktionärsschützer DSW und SdK* sowie institutionelle Investoren die Vorgänge kritisch zu prüfen und das Unternehmen dazu zu drängen, seiner Verantwortung gegenüber den Anteilseignern gerecht zu werden. „Wer ernsthaft an Stabilität, Wertschöpfung und nachhaltiger Unternehmensführung interessiert ist, darf nicht zulassen, dass ideologische oder machtpolitische Motive eine wirtschaftlich vernünftige Konfliktlösung verhindern.“

Vor diesem Hintergrund empfiehlt die Vereinigung Cockpit den Aktionärinnen und Aktionären der Deutschen Lufthansa AG, den Vorstand nicht zu entlasten.

Als positives Gegenbeispiel verweist die VC auf Air France/KLM. Dort habe der Vorstand nach langjährigen Konflikten einen grundlegenden Kulturwandel eingeleitet. „Das Ergebnis sieht man heute in der sehr guten wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens“, so Pinheiro.

Mit Bedauern stellt Pinheiro fest, dass sich der Lufthansa-Konzern immer weiter von ihren Beschäftigten entfernt haben. „Sie sprechen inzwischen häufiger über die Beschäftigten als mit ihnen. Das beschädigt Vertrauen und Unternehmenskultur. Die VC verbindet daher mit dem Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats die Hoffnung auf einen respektvolleren und verantwortungsvolleren Umgang miteinander.

„Wir sind nicht die Gegenseite. Wir Pilotinnen und Piloten sind Teil dieses Unternehmens und seiner Konzerngesellschaften“, betonte Pinheiro abschließend. „Wir wünschen uns wieder ein konstruktives Miteinander auf Augenhöhe – im Interesse der Unternehmen, der Beschäftigten, der Kundinnen und Kunden und der Aktionärinnen und Aktionäre.“

*DSW (Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz), die SdK (Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger)

Die Vereinigung Cockpit ist der Berufsverband des Cockpitpersonals in Deutschland. Er vertritt die berufs- und tarifpolitischen Interessen von rund 9.600 Mitgliedern bei sämtlichen deutschen Airlines und sieht darüber hinaus seine Aufgabe in der Erhöhung der Flugsicherheit in Deutschland.

PM Vereinigung Cockpit e.V.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://meinungsstark.eu/vc-empfiehlt-lufthansa-vorstand-nicht-zu-entlasten/

Schreibe einen Kommentar

Deine Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.