Gemeinsam mit 8.000 Demonstrierenden fordern rund 60 Organisationen auf der „Wir haben es satt!“-Demo in Berlin von der Bundesregierung eine gemeinwohlorientierte Agrarpolitik. Gemeinsam setzen sich Bäuer*innen, Verbraucher*innen und Aktive der Umwelt-, Tier- und Klimaschutzbewegung für eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft ein.
„Wir zeigen Haltung – ob als Landwirtin, die im Stall und auf dem Acker anpackt, oder als Verbraucher, der gesunde und nachhaltig erzeugte Lebensmittel wertschätzt. Die schwarz-rote Bundesregierung macht eine Agrarpolitik von vorgestern und gefährdet unsere Zukunft. Wir erinnern sie an ihre Verantwortung“, sagte Jan Greve, Sprecher des „Wir haben es satt!“-Bündnisses.
Das Bündnis verurteilt die agrar- und ernährungspolitischen Rückschritte der Bundesregierung. Die Koalition aus Union und SPD hat die Förderung einer besseren Tierhaltung gestrichen und verschleppt die Einführung einer staatlichen Tierhaltungskennzeichnung. Mit dem Verwässern des Düngerechts gefährdet sie den Schutz unseres Trinkwassers. Und sie hat in einer Welt mit mehr als 670 Millionen hungernden Menschen das Geld für die Entwicklungszusammenarbeit gekürzt. Gleichzeitig schaut die Bundesregierung nur zu, wenn in der EU die Deregulierung von Gentechnik und Pestiziden vorangetrieben wird. Sie setzt auf ein „Weiter so“ bei den Fördergeldern der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), statt diese endlich gerechter und ökologischer zu verteilen. Klimakrise, Höfesterben und Biodiversitätsverlust lassen sich so nicht aufhalten – im Gegenteil: Union und SPD machen eine Politik im Interesse der Agrarindustrie, während Bäuer*innen weiterhin keine fairen Preise gezahlt werden und Verbraucher*innen für Lebensmittel im Supermarkt immer tiefer in die Tasche greifen müssen.
Auf der Demonstration unter dem Motto „Haltung zeigen! Für eine zukunftsfähige Landwirtschaft weltweit“ stand auch das Handelsabkommen zwischen EU und Mercosur in der Kritik. Das Abkommen verschärft den Preisdruck für Bäuer*innen auf beiden Seiten des Atlantiks. Wie auch bei der von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) vorgestellten Exportstrategie setzt die Bundesregierung auf die Produktion billiger Massenware für den Weltmarkt statt auf nachhaltig erzeugte Qualität. Nicht zuletzt bedeutet das Abkommen mehr Abholzung, Ausbeutung und Umweltzerstörung in Ländern des Globalen Südens.
Die „Wir haben es satt!“-Demonstration 2026 findet im Internationalen Jahr der Frauen in der Landwirtschaft statt. Bei der Kundgebung haben in diesem Jahr nur FLINTA*-Personen (Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinäre-, Trans- und Agender-Personen) auf der Bühne gesprochen.
Agness Mwambazi, Brot für die Welt: „Die Agrarpolitik in Deutschland hat weltweite Folgen, insbesondere für den Globalen Süden. Hunger wird durch Ungerechtigkeit, Landraub und die zerstörerische industrielle Landwirtschaft verursacht. In Deutschland werden billige Lebensmittel verkauft, während die wahren Kosten der Erzeugung auf Menschen und Natur in anderen Teilen der Welt abgewälzt werden. Es braucht die Förderung von Agrarökologie, faire Preise, garantierte Frauenrechte und sicheren Zugang zu Land. Nahrung ist ein Menschenrecht!“
Anne Hamester, Greenpeace: „Während gesetzliche Standards bei Pestiziden, Überdüngung oder Gentechnik gesenkt werden, zementiert Minister Rainer mit seiner Politik die industrielle Fleischproduktion für den Weltmarkt. Er verschleppt und verwässert die staatliche Tierhaltungskennzeichnung und stampft das Förderprogramm für bessere Tierhaltung ein. Diese Politik ignoriert die Klimakrise und die Not der Höfe gleichermaßen. Wir fordern einen Kurswechsel für eine zukunftsfähige Landwirtschaft.“
Claudia Gerster, AbL: „Heute zeigen wir als Bäuerinnen und Bauern trotz Kälte und liegenbleibender Arbeit zuhause: Wir sind hier und zeigen Haltung. Das ist in dieser Zeit und für uns auf den Höfen ein ganz starkes Zeichen: Landwirtschaft gemeinsam mit der Zivilgesellschaft. Wir fordern eine Trendumkehr: statt weiterer Symbolpolitik echte Verbesserungen. Damit es endlich verlässliche Zukunftsperspektiven für die Höfe gibt. Denn Zukunft braucht Höfe!“
Nicole Plumeyer, VIER PFOTEN „Millionen Tiere leiden in der Intensivtierhaltung. Schnäbel und Ringelschwänze werden kupiert, und Rinder auf grausame Langstreckentransporte in weit entfernte Länder verfrachtet. Viele Tiere können nur davon träumen, in ihrem kurzen Leben einmal die Sonne zu sehen. Trotz 20 Jahren Tierschutz im Grundgesetz gibt es kaum Fortschritte, dafür aber besonders unter der neuen Regierung viele Rückschritte. Minister Alois Rainer: Zeigen Sie Haltung! Treiben Sie Tierschutz und den Umbau der Tierhaltung voran!“
Lin Diaz Maceo, Slow Food Youth Deutschland, und Hannah Käsbach, BUNDjugend: „Wir zeigen gemeinsam Haltung für zukünftige Generationen. Unser Ziel ist ein am Gemeinwohl orientiertes, gerechtes Agrarsystem mit lebenswerten Bedingungen für Mensch und Tier, gesunde und bezahlbare Ernährung für alle sowie faire Arbeitsbedingungen für Kleinbäuer*innen. Um diese Vision zu erreichen, fordern wir ein sofortiges Pestizidverbot, strengere Kontrollen der Haltungsrichtlinien und die politische Verbindlichkeit zur Inklusion junger Menschen in allen Teilen des Agrarsystems.“
Bärbel Endraß, Aktionsbündnis gentechnikfreie Landwirtschaft Baden-Württemberg: „Wenn das Europaparlament und die Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten jetzt nicht handeln, werde ich in Zukunft keine gentechnikfreien Lebensmittel mehr erzeugen können. Alle Schutzmaßnahmen vor Gentechnik-Verunreinigungen sollen abgeschafft werden, ebenso wie unsere Haftungsregelungen und die Kennzeichnungspflicht bis zum Endprodukt. Dadurch würden Wahlfreiheit und wertvolle Märkte zerstört, alleinige Profiteure wären die Gentechnik-Konzerne. Haltung zeigen: Dieser inakzeptable Gesetzesentwurf muss und kann gestoppt werden!“
Renate Antonie Krause, Armutsaktivistin „‘Wir haben es satt!‘ hat auch etwas mit Armut zu tun. Von 6,42€ pro Tag, dem aktuellen Satz für Bürgergeld und Grundsicherung im Alter, können wir uns nicht gesund ernähren. Gleichzeitig sollten Landwirt*innen nicht zu Dumpingpreisen produzieren müssen. Das schädigt Gesundheit und den Planeten. Die Folge sind hohe Kosten im Gesundheitswesen und in der Bildung. Kinder erleiden Wachstumsstörungen und haben kognitive Einschränkungen. Arme Menschen sterben früher – auch der schlechten Ernährung wegen. Lebensmittelkonzerne dürfen sich nicht länger an Konsument*innen und Erzeuger*innen bereichern!“
Susanne Gerstner, BUND: „Mit den aktuellen EU-Plänen zur Gemeinsamen Agrarpolitik drohen weitere massive Rückschritte. Das lassen wir nicht zu! Bäuerinnen und Bauern müssen von ihrer Arbeit leben und auch mit dem Schutz von Natur, Klima und Tierwohl ein angemessenes und verlässliches Einkommen erzielen können. Statt die Förderung für ländliche Regionen zu kürzen, müssen regionale Kooperationen gestärkt werden. Sie sind eine zentrale Säule für sozialen Zusammenhalt in unserem Land. Wir kämpfen weiter für eine zukunftsfähige Landwirtschaft!“
Karla Pinto, Landwirtin und Gründerin der Rabelades-Farm in Brandenburg „Wir wollen die Landwirtschaft dekolonisieren und verschaffen marginalisierten Stimmen im Kampf für Ernährungssouveränität und Gerechtigkeit Gehör. Landwirtschaft darf nicht einer rein kapitalistischen Logik unterliegen. So wie wir mit dem Land und dem Boden umgehen, so gehen wir auch miteinander um. Wir stellen uns gegen die Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen in der Landwirtschaft und gegen rassistische Strukturen. Unser Ökosystem darf nicht länger durch die industrielle Landwirtschaft zerstört werden.“
Weitere Informationen
Demonstration | www.wir-haben-es-satt.de
Presse-Seite | www.wir-haben-es-satt.de/presse
Fotos zur kostenfreien Verwendung zur Verfügung: „Wir haben es satt!“-Demo 2026 https://flic.kr/s/aHBqjCGCiG
Bäuerliche Kundgebung: „Haltung zeigen! Wasser ist keine Ware, sondern ein Menschenrecht!“ https://flic.kr/s/aHBqjCFWVh
Slow Food hat sich zum Ziel gesetzt, eine Welt zu schaffen, in der Ernährung auf fairen Beziehungen basiert, die biologische Vielfalt, das Klima und die Gesundheit fördert und es allen Menschen ermöglicht, ein Leben in Würde und Freude zu führen.Als globales Netzwerk mit Millionen von Menschen setzt sich Slow Food für gutes, sauberes und faires Essen für alle ein. Slow Food Deutschland wurde 1992 gegründet und ist mit vielfältigen Projekten, Kampagnen und Veranstaltungen auf lokaler, nationaler sowie europäischer Ebene aktiv. Mit handlungsorientierter Bildungsarbeit stellen wir Ernährungskompetenz auf sichere Beine. Ziel unseres politischen Engagements ist ein sozial und ökologisch verantwortungsvolles Lebensmittelsystem, das Mensch und Tier, Umwelt und Klima schützt. www.slowfood.de
PM Slow Food Deutschland e. V.