Vor dem Frauen ernähren den Planeten – aber wer schützt ihre Rechte?

Sicherung von Landrechten, Arbeitsrechten und Anerkennung für die Frauen, die unsere Ernährungssysteme tragen – Slow Food macht auf die strukturellen Barrieren aufmerksam, denen Bäuerinnen weltweit begegnen.

8. März, Internationaler Frauentag – Im Rahmen des Internationalen Jahres der Bäuerin der FAO gibt Slow Food Frauen aus Afrika, Asien, Europa und Lateinamerika eine Stimme, um eine grundlegende Wahrheit hervorzuheben: Frauen sind das Rückgrat der weltweiten Agrar- und Ernährungssysteme, auch wenn ihre Arbeit weiterhin unterbewertet, unterbezahlt und viel zu oft unsichtbar bleibt.

„Frauen sind keine ‘Helferinnen’ in der Landwirtschaft. Wie wir in unseren Slow-Food-Bauernhöfen auf der ganzen Welt sehen, sind sie Landwirtinnen, Verarbeiterinnen, Unternehmerinnen, Saatgutwächterinnen und Gemeindevorsteherinnen“, sagt Dalí Nolasco Cruz, Vorstandsmitglied von Slow Food . „Ihre Rechte anzuerkennen – insbesondere sicheren Zugang zu Land – ist die wirkungsvollste Maßnahme zur Stärkung der globalen Ernährungssicherheit. Wenn Frauen morgen aufhören würden zu produzieren, würde die Welt aufhören zu essen. Es ist an der Zeit, dass Institutionen von symbolischen Gesten zu strukturellem Wandel übergehen.”

Agrar- und Ernährungssysteme gehören weltweit zu den größten Arbeitsbereichen für Frauen. Laut dem FAO-Bericht The Status of Women in Agrifood Systems waren 2019 weltweit 36 % der arbeitenden Frauen in diesen Systemen beschäftigt, im Vergleich zu 38 % der Männer. In Subsahara-Afrika sind es 66 % der Frauen (gegenüber 60 % der Männer). In Südasien ist der Unterschied noch größer: 71 % der Frauen in der Erwerbsbevölkerung arbeiten im Agrar- und Ernährungssystem, gegenüber 47 % der Männer.
Trotz ihrer zentralen Rolle ist die Arbeit von Frauen häufiger informell, unregelmäßig, arbeitsintensiv und schlecht bezahlt. Vieles wird nicht einmal offiziell als Arbeit anerkannt.

Land: Die strukturelle Barriere über Kontinente hinweg

Überall ist die Antwort klar: Frauen brauchen sichere Landrechte.
Von Togo bis Griechenland, von Malawi bis Iran, von Kamerun über Burundi bis Pakistan – Frauen nennen Landbesitz als Fundament wirtschaftlicher Unabhängigkeit, Klimaresilienz, Produktivität und Würde.

Der eingeschränkte Zugang zu Land wird durch geringe Teilnahme an Fachschulungen, begrenzten Zugang zu Krediten und Technologien sowie eine starke Unterrepräsentation in Entscheidungsgremien und Genossenschaften verschärft. Frauen-geführte Genossenschaften, soziale Landwirtschaftsmodelle und kurze Lieferketten gewinnen an Bedeutung, doch strukturelle Hindernisse bleiben bestehen.
Fatima Maleki, Landwirtin auf der Reza Slow Food Farm im Iran, erklärt:
„Die Arbeit der Frauen ist unverzichtbar, aber Entscheidungen über Land und Finanzen werden oft im Namen der Männer getroffen. Das erschwert den Zugang zu Bankdarlehen, Maschinen und Fachschulungen. Viele Unterstützungsprogramme erkennen Kleinbäuerinnen nicht formell an. Diese strukturellen Barrieren verhindern, dass die tatsächliche Leistungsfähigkeit von Frauen in der Lebensmittelproduktion anerkannt wird.“
Aus Bangladesch ergänzt Mahfuza Khatun von der Monoharpur Native Producer Farmers Slow Food Community:
„Frauen auf dem Land machen 58 % der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in Bangladesch aus. Dennoch schränken strenge patriarchale Normen, Mobilitätsbeschränkungen und begrenzte Erbrechte ihren Zugang zu Land, Krediten, Betriebsmitteln und Technologie ein. Ohne Sicherheiten und mit männlich dominierten Beratungsdiensten sind Frauen auf kleinmaßstäbliche, weniger produktive Tätigkeiten beschränkt.“
Die Botschaft über alle Regionen hinweg ist klar: Ohne sichere Landrechte und gleichen Ressourcenzugang bleiben Frauen zentrale Arbeitskräfte, aber ohne Macht.

Pfeiler der Ernährungssicherheit und Biodiversität

Frauen stehen im Zentrum der Ernährungssicherheit ihrer Haushalte. Sie pflegen Hausgärten, diversifizieren Ernährungsweisen, konservieren saisonale Ernten und vermitteln Kindern Ernährungswissen.
„Frauen sind zentral für die vier Säulen der Ernährungssicherheit: Verfügbarkeit, Zugang, Nutzung und Stabilität. Ohne sie würde Ernährungssicherheit zusammenbrechen“, sagt Langsi Yeloma Ruth, Umweltaktivistin und Koordinatorin für Slow Food Indigenous Peoples in Kamerun.

Über den Haushalt hinaus sind Frauen Hüterinnen der Biodiversität und des agroökologischen Wissens. Sie erhalten lokale Saatgutsorten, praktizieren Kompostierung und nachhaltige Imkerei und geben traditionelle Verarbeitungstechniken und kulinarisches Wissen weiter, die die Klimaresilienz stärken.

„Frauen sind Hüterinnen traditioneller Samen, indigener Rezepte und nachhaltiger

Landwirtschaftspraktiken. Sie bewahren lokale Kulturpflanzen und nutzen umweltfreundliche Methoden, die über Generationen weitergegeben wurden“, ergänzt Afshan Altaf von der Potohar Slow Food Community in Pakistan.
In Nigeria, Iran und vielen anderen Regionen schützen Frauen eine Vielfalt an Kulturpflanzen und Ernährungstraditionen, die zunehmend durch Klimawandel, Bodendegradation und industrielle Lebensmittelsysteme bedroht sind.
Wie Sahadatu Saana vom Akkuffokrom Slow Food Convivium in Ghana betont:
„Lebensmittel zu produzieren ist nur ein Teil des Ernährungssystems. Frauen planen ausgewogene Mahlzeiten mit knappen Ressourcen, passen sich Engpässen an und stellen Kinder, ältere Menschen und Kranke in den Vordergrund. Das entscheidet darüber, ob Nahrung zu gesunder Ernährung wird.“
„Frauen sind Bewahrerinnen traditionellen Ernährungswissens. Unser Verständnis für lokale Lebensmittel, Heilpflanzen und nachhaltige Praktiken wird oft unterschätzt, ist aber essenziell für robuste und kulturell verwurzelte Ernährungssysteme“, ergänzt Wendy Gómez, Koordinatorin der Slow Food Farm Casa Huerto Buena Vista in Peru.
Dennoch bleiben die vielen Stunden, die Frauen für Lebensmittelverarbeitung, Kochen, Konservierung und Wissensweitergabe aufwenden, weitgehend unbezahlt und unerkannt.

Die verborgene Rolle der Lebensmittelverarbeitung

Auf allen Kontinenten verwandeln Frauen Ernten in Nahrung – und Nahrung in Lebensgrundlagen.
In Togo, Ghana und vielen Ländern Subsahara-Afrikas mahlen Frauen Hirse, Sorghum und Mais, stellen Sheabutter her, konservieren Gemüse, Fisch und Fleisch und betreiben Verarbeitungseinheiten für Säfte, Mehle und Öle.
„Frauen spielen eine sehr wichtige Rolle in ihren Haushalten, da sie dafür verantwortlich sind, die Lebensmittel der Familie in köstliche Gerichte zu verwandeln, die ihre Gesundheit fördern. Angesichts der aktuellen Krise und der schweren Dürre ist dies heute eine große Verantwortung“, sagt Maricé Perez Caro von der Slow Food Farm Ilusión Guajira in Kuba.
In Griechenland hebt Lilian Kouidou von The Chilli Factor Organic Slow Food Farm die kulturelle Dimension hervor:
„In ländlichen Regionen Griechenlands sind Frauen nicht nur Bäuerinnen. Sie pflanzen, ernten, verpacken, führen Buchhaltung, kochen, organisieren Logistik und verkaufen. Generationenwechsel bedeutet nicht nur das Überleben der Höfe, sondern das Überleben der Esskultur.“
Frauen haben eine starke Präsenz auf lokalen Märkten, wo sie Gemüse, Getreide, Obst, Honig und zubereitete Speisen verkaufen. In Burundi dominieren sie die städtischen Märkte; in Nigeria betreiben einige sogar grenzüberschreitenden Handel. Dennoch bleibt der Zugang zu regionalen und internationalen Märkten aufgrund von Zertifizierungsanforderungen, Infrastrukturmängeln und geringer finanzieller Autonomie eingeschränkt.

Von Anerkennung zu strukturellem Wandel

Die Stärkung von Frauen in Ernährungssystemen ist nicht nur eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Sie ist entscheidend, um Hunger zu reduzieren, Einkommen zu erhöhen und die Resilienz gegenüber Klima- und Wirtschaftskrisen zu stärken.
Slow Food fordert konkrete strukturelle Reformen, darunter:
•    sichere Landrechte für Frauen,
•    gleichen Zugang zu Krediten, Versicherungen, Betriebsmitteln und Technologie,
•    Anerkennung unbezahlter Pflege- und Nacherntearbeit,
•    Unterstützung frauengeführter Agroökologie und Biodiversitätsschutz,
•    gleichberechtigte Vertretung in Genossenschaften und Entscheidungsgremien.

Zum Internationalen Frauentag appelliert Slow Food an Regierungen, Finanzinstitutionen und internationale Organisationen, Anerkennung in verbindliche Rechte umzusetzen – und sicherzustellen, dass Bäuerinnen nicht länger unsichtbare Säulen, sondern anerkannte Führungskräfte der globalen Ernährungssysteme sind.

Slow Food ist eine weltweite Bewegung, die lokale Gruppen und Aktivisten um eine gemeinsame Vision vereint: allen Menschen Zugang zu Lebensmitteln zu ermöglichen, die gut für sie selbst, gut für die Produzenten und gut für den Planeten sind. Gegründet wurde Slow Food 1986 in Italien als Antwort auf die zunehmende Industrialisierung der Ernährung und den Aufstieg der Fast-Food-Kultur. Seitdem hat sich die Bewegung auf Millionen von Unterstützern in 160 Ländern weltweit ausgeweitet. Aktivitäten und Veranstaltungen organisiert, die in Convivien/Kapiteln und Gemeinschaften zusammenarbeiten.

PM Slow Food Deutschland e.V.

 

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